Leben mit Spastik
Alltag, Hilfsmittel und Übungen
Das Wichtigste in Kürze
Wie sich der Alltag mit einer Spastik verändert
Das Leben mit einer Spastik kann mit Einschränkungen verbunden sein, da gewohnte Bewegungsabläufe erschwert oder unmöglich werden können. Oft benötigen Betroffene Hilfe bei Tätigkeiten, die sie bisher selbstverständlich ausübten – auch bei sehr intimen Aktivitäten wie der täglichen Hygiene, beim Anziehen oder Kochen. Ebenso kann es schwierig sein, den Beruf in gewohnter Weise fortzuführen.
Wie stark sich die Erkrankung auf den Alltag auswirkt, lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern hängt von der Lokalisierung und Ausprägung der Spastik ab. Diese Auswirkungen reichen von leichten Hürden bei täglichen Abläufen bis hin zu schweren Einschränkungen im Privat- und Berufsleben. Das kann die folgenden Bereiche betreffen:
Spastik – wer kann mir helfen?
Mit einer Spastik müssen sich Betroffene nicht allein auseinandersetzen, denn ihnen stehen spezialisierte Ärzt*innen, Physio- und Psychotherapeut*innen und Selbsthilfeorganisationen bei Fragen und Problemen zur Verfügung. Zwar ist die Spastik nicht heilbar, durch konsequente Therapie lassen sich die Beschwerden jedoch häufig lindern, damit Patient*innen Alltagsaktivitäten wieder leichter nachgehen können und Lebensqualität zurückgewinnen.
Folgende Anlaufstellen helfen dabei, den Weg zurück in den Alltag zu finden:
- Haus- und Fachärzt*innen: Suchen Sie das Gespräch mit Ihren behandelnden Ärzt*innen. Sie kennen Ihre Therapieziele und Patientengeschichte und können Sie gezielt an spezialisierte Fachärzt*innen, sowie Physio- und Ergotherapeut*innen überweisen.
- Communities: Tauschen Sie sich mit anderen Menschen aus, die mit Spastik leben. Das Teilen von Erfahrungen macht Mut und bietet praktische Tipps.
- Pflege- und Sozialdienste: Spezialisierte Fachkräfte sind dazu ausgebildet, Ihnen die Alltagsorganisation, die Pflege und den Jobeinstieg zu erleichtern.
Nähere Informationen zu Ansprechpartner*innen und Selbsthilfegruppen finden Sie in unserem Servicebereich.
Wie kann ich eine Spastik im Alltag lösen?
Eine Spastik lässt sich im Alltag nicht dauerhaft „wegtrainieren“. Da eine Spastik auf einer Schädigung des zentralen Nervensystems beruht, zielen Alltagsmaßnahmen darauf ab, den überhöhten Muskeltonus kurzfristig zu senken und die Beweglichkeit für den Tag zu verbessern. Um eine Spastik zu behandeln, ist ein multimodaler Ansatz aus regelmäßiger Eigenübung, professioneller Therapie und – falls ärztlich verordnet – Medikamenten notwendig.
Helfen Hausmittel und Magnesium gegen Spastik?
Nein, Magnesium hilft nicht gegen eine Spastik. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass Magnesiumpräparate bei einer zentralneurologischen Spastik (etwa durch Multiple Sklerose, Schlaganfall oder Querschnittlähmung) eine Wirkung haben. Als klassisches „Hausmittel“ gegen Spastik ist Magnesium daher ungeeignet. Ebenso gibt es keine Nahrungsergänzungsmittel oder freiverkäuflichen Arzneimittel, die eine spastische Lähmung wirksam lindern können.
Massagen, Wärme und Kälte
Massagen, Wärme- oder Kälteanwendungen können eine Spastik nicht heilen und eignen sich nur bedingt zur Linderung von Symptomen – auch hier fehlt es an konkreten wissenschaftlichen Beweisen. Physikalische und sensorische Reize können selbst auch Spastiken auslösen. Ob und inwiefern Massagen oder thermische Behandlungen hilfreich oder schädlich sein können, hängt von individuellen Faktoren ab und sollte mit den behandelnden Fachkräften abgeklärt werden.
Welche Übungen und Therapien helfen bei Spastik?
Regelmäßige Bewegung der betroffenen Muskeln ist eine wichtige Maßnahme, um Gelenkversteifungen (Kontrakturen) zu vermeiden und die Lebensqualität zu erhalten. Dabei greifen verschiedene Therapieformen ineinander.
Physiotherapie vs. Ergotherapie: Was ist der Unterschied?
Die Physiotherapie fokussiert sich auf die Grobmotorik, die Rumpfstabilität und das Gehen. Die Ergotherapie konzentriert sich hingegen auf die Feinmotorik und das Wiedererlernen von Alltagstätigkeiten wie Anziehen, Essen oder Körperpflege.
Beide Disziplinen arbeiten bei Spastik-Patient*innen eng zusammen. Während die Physiotherapeut*in beispielsweise Übungen für die Beine anleitet, um Stehen und Gehen zu erleichtern, übt die Ergotherapeut*in mit den Patient*innen, wie trotz einer Spastik Besteck gehalten und benutzt werden kann.
Mehr Informationen zu weiteren Therapieoptionen befinden sich auf unserer Seite Spastik-Behandlung.
Übungen bei Spastik
UUm die Beweglichkeit zu erhalten, können verschiedene Dehnübungen auch zu Hause durchgeführt werden. Dabei müssen die Übungen langsam und kontinuierlich ausgeführt werden, da ruckartige Dehnungen bei Spastiken den Muskeltonus plötzlich erhöhen können. Zudem sollte stets auf ausreichende Ruhepausen geachtet und die Übungen in mehreren kurzen Einheiten durchgeführt werden. Da die gezielte Verbesserung von Bewegungsabläufen meist im Rahmen einer Physiotherapie erfolgt, sollte die Auswahl der Heimübungen vorab mit den behandelnden Ärzt*innen oder Physiotherapeut*innen abgestimmt werden.
Mehr Informationen zu physikalischen Therapieoptionen bei Spastik finden Sie in unserem Artikel zu Spastik behandeln.
Übungsbeispiel: Lösen der Spastik in der Hand
Diese Übung hilft dabei, die verkrampfte Muskulatur der Hand sanft zu dehnen und die Beweglichkeit zu fördern:
- Vorbereitung: Umschließen Sie zuerst mit der gesunden Hand die betroffene, spastische Hand.
- Positionierung: Bewegen Sie die betroffene Hand mithilfe der gesunden Seite kontrolliert auf einen Tisch oder in Ihren Schoß.
- Dehnung: Spreizen Sie – sofern möglich – die Finger der betroffenen Hand sanft ab.
- Mobilisation: Strecken Sie in dieser Haltung beide Arme nach vorne und bewegen Sie diese langsam nach oben und wieder nach unten.
Merke: Regelmäßige Spastik-Übungen können die Bewegungsabläufe verbessern. Achten Sie jedoch zwingend auf ausreichend Ruhepausen für Ihren Körper, um Überlastungen zu vermeiden und den Erholungseffekt zu maximieren.
Mehr Informationen zu physikalischen Therapieoptionen bei Spastik finden Sie in unserem Artikel zu Spastik behandeln.
Krafttraining trotz Spastik: Darf ich Muskeln aufbauen?
Menschen mit Spastik dürfen Muskeln aufbauen. Aktuelle Leitlinien sprechen aufgrund der Beweislage keine klaren Empfehlungen aus, da nicht immer ein positiver Effekt auf die Spastik nachgewiesen werden konnte.
Eine Verschlechterung der Spastik durch Krafttraining wurde allerdings auch nicht gezeigt. Gezieltes Widerstandstraining verbessert bei Patient*innen mit Spastik nach Schlaganfall die Muskelfunktion, wirkt dem alters- und inaktivitätsbedingten Muskelabbau entgegen und steigert die Balance, ohne die Spastik negativ zu beeinflussen. Das Spastik-Training sollte unter physiotherapeutischer Aufsicht erfolgen, um Fehlbelastungen zu vermeiden.
Welche Hilfsmittel unterstützen bei Spastik im Alltag?
Um die Herausforderungen des Alltags besser zu meistern, stehen für viele Bereiche des täglichen Lebens spezielle Hilfsmittel zur Verfügung. Der gezielte Einsatz dieser Helfer kann Betroffenen wieder zu mehr Selbstständigkeit verhelfen und die Teilnahme am Familien- und Sozialleben deutlich erleichtern. Viele dieser Hilfsmittel sind bewusst so konstruiert, dass sie mit nur einer Hand verwendet werden können.
Kochen und Essen mit Spastik
Mit einer spastischen Lähmung kann es schwierig sein, sich selbst zu versorgen. Verschiedene Hilfsmittel in der Küche ermöglichen es, kleine Handgriffe wieder selbst durchzuführen – sowohl bei der Zubereitung als auch beim Verzehr von Speisen.
Brotschneidebrett: Das Brett fixiert das Brot durch eine spezielle Halterung sicher, sodass es nicht verrutschen kann. Dies ermöglicht das Brotschneiden mit nur einer Hand.
Tellerranderhöhung: Ein aufsteckbarer Rand, der hilfreich ist, um Essen mit nur einer Hand gezielt auf Löffel oder Gabel zu befördern. Alternativ kann ein tiefer Teller mit einem Gegenstand wie einer Gabel erhöht werden.
Einhand-Deckelabschrauber: Durch die vergrößerte Oberfläche bietet der Abschrauber deutlich mehr Grifffläche. So gelingt es, Flaschen auch mit geringer Fingerfertigkeit zu öffnen.
Schneidebretter mit Gemüsehalter: Diese speziellen Bretter werden mittels Saugnapf oder Schraubzwinge am Küchenarbeitsplatz fixiert. Kleine Metallspitzen halten das Gemüse fest, wodurch das Schälen oder Schneiden einhändig gelingt.
Einhänderbrett: Dieses Brett verfügt über spezielle Leisten, mit denen es am Tischrand eingehakt wird. Beim Brotschmieren bleibt es fest an Ort und Stelle und rutscht nicht weg.
Spezial-Besteck: Der Gebrauch von besonderem Besteck, das sich hinter dem Griff beliebig in die gewünschte Richtung verbiegen lässt, gleicht Bewegungseinschränkungen aus und entlastet die Hand beim Essen.
Körperhygiene und Ankleiden mit Spastik
Die Körperhygiene und das Ankleiden können aufgrund von eingeschränkter Beweglichkeit, Gelenkfehlstellungen oder geringer Feinmotorik mühsam sein. Angepasste Werkzeuge verhelfen hier zu mehr Unabhängigkeit.
Bürsten und Badeschwämme: Am Schwamm befestigte Halterungen oder Verlängerungsarme ermöglichen es Körperregionen wie Beine oder den Rücken bequem mit einer Hand einzuschäumen.
Knöpfhilfe: Mit diesem Werkzeug wird das Zu- und Aufknöpfen von Hemden und die Handhabung von Reißverschlüssen vereinfacht. Dies ist auch bei eingeschränkter Fingerfertigkeit einhändig möglich.
Schuhlöffel: Ein extralanger Schuhlöffel gleicht fehlende Rumpfbeweglichkeit aus und ermöglicht das Schuhanziehen im Stehen oder Sitzen mit nur einer Hand.
Greifen und Aufschließen mit Spastik
Das Aufheben von Gegenständen vom Boden oder das Drehen eines Schlüssels im Türschloss ist bei fehlender Feinmotorik oft eine Hürde. Mechanische Greifhilfen können hier helfen.
Greifzange: Diese Zangen verlängern den Arm und sind in vielen Ausführungen erhältlich. Sie ermöglichen es, Gegenstände vom Boden oder Tisch aufzuheben, ohne sich bücken zu müssen.
Schlüsselhaltehilfen: Eine Verdickung, die über den Schlüssel gestülpt werden kann. Sie erleichtert es, den Schlüssel zu fassen und im Schloss zu drehen.
Kommunikation mit Spastik
Das Bedienen von Telefon oder Computer kann erschwert sein. Um weiterhin aktiv am sozialen und beruflichen Leben teilzuhaben, gibt es spezialisierte Technik dafür.
Weiterführende Links zu all diesen Hilfsmitteln finden Sie in unserem Servicebereich.
Großtastentelefon: Große, klar abgetrennte Tasten erleichtern die Handhabung des Telefons und ermöglichen eine einhändige Bedienung.
Mausersatzgeräte: Spezielle Tastenmäuse oder Trackballs erleichtern die Bedienung des Computers und ersetzen die handelsübliche Maus. Sie ermöglichen oft die Steuerung mit einem Finger und vermeiden ungewollte Klicks.
Orthesen und weitere therapeutische Hilfsmittel bei Spastik
Orthesen und andere Therapiegeräte können gezielt dazu beitragen, betroffene Körperregionen zu stützen und die Rehabilitation zu fördern. Auf diese Weise können Bewegungen kontrollierter ausgeführt und Gelenkversteifungen vorgebeugt werden. Die Versorgung sollte immer in enger Absprache mit Ihren Ärzt*innen erfolgen.
- Orthese: Eine Orthese (Ein Kurzwort, gebildet aus „orthopädisch“ und „Prothese“) ist ein medizinisches Hilfsmittel, das von Orthopädietechniker*innen auf ärztliche Verordnung individuell an den Körper angepasst wird. Betroffene Körperteile können so über einen längeren Zeitraum in einer physiologischen Haltung fixiert werden.
- Lagerungsschiene: Eine Lagerungsschiene (z. B. für die Hand oder den Fuß) hält das Gelenk in einer schmerzfreien oder tolerierbaren Dehnung. Sie sollte über mehrere Stunden getragen werden, um einer Verkürzung der Muskulatur und Gelenkversteifungen vorzubeugen.
- Motorisierte Orthesen: Diese elektronischen Orthesen registrieren schwache, verbliebene Nervenimpulse an der Hautoberfläche und unterstützen die Arm- oder Handbewegung motorisch. Die Genehmigung durch die Krankenkasse erfordert meist eine Einzelfallprüfung.
- Vibrationstraining: Das Ganzkörpervibrationstraining oder die fokale Vibration einzelner Gliedmaßen kann den erhöhten Muskeltonus temporär senken. Es gilt als unterstützende Maßnahme zur Verbesserung der motorischen Funktion.
- Elektrostimulation: Bei der transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS) werden Muskeln und Nerven lokal über elektrische Signale gereizt. TENS wird ergänzend zu anderen Therapieoptionen eingesetzt und kann den Muskeltonus verringern.
Mehr zu Orthesen und anderen Hilfsmitteln finden Sie auf unserer Seite zu Spastik behandeln.
Krankenkassen und Behörden: Finanzielle Hilfe und Rechtliches
Eine ausgeprägte Spastik führt häufig zu belastbaren Einschränkungen im Alltag, die sozialrechtlich durch finanzielle Unterstützungen und Nachteilsausgleiche abgefedert werden können. Es ist ratsam, sich frühzeitig über Ansprüche bei Krankenkassen und Behörden zu informieren.
Kostenerstattung: Welche Leistungen übernimmt die Krankenkasse?
Je nach Krankenkasse werden bestimmte Leistungen in der Therapie einer Spastik übernommen. Die Grundlage hierfür ist in der Regel eine ärztliche Verordnung.
- Hilfsmittel: Orthesen, Lagerungsschienen und andere Hilfsmittel werden normalerweise bei medizinischer Notwendigkeit von der Krankenkasse erstattet. Grundlage hierfür sind Hilfsmittelverzeichnisse, die erstattungsfähige Hilfsmittel auflisten.
- Therapie und Medikation: Bei einer diagnostizierten Spastik werden die Kosten für Physiotherapie, Ergotherapie sowie die notwendige medikamentöse Behandlung (z. B. Botulinumtoxin oder orale Antispastika) in der Regel übernommen.
- Individuelle Nachfrage: Da die Satzungsleistungen variieren können, lohnt es sich, auch für ergänzende Leistungen oder spezielle Hilfsmittel (z. B. motorisierte Orthesen) direkt bei der Krankenkasse nachzufragen.
Pflegegrad bei Spastik
Die Einstufung in einen Pflegegrad durch den zuständigen medizinischen Dienst richtet sich nicht nach der Diagnose der Spastik, sondern nach dem Grad der Selbstständigkeit. Die Begutachtung umfasst vornehmlich die Bereiche Körperpflege, Ernährung und Mobilität, aber auch kognitive und kommunikative Fähigkeiten sowie soziale Faktoren. Ein Pflegetagebuch hilft, den tatsächlichen Hilfebedarf bei der Begutachtung transparent zu machen.
Schwerbehindertenausweis und Grad der Behinderung (GdB)
Ist das tägliche Leben durch eine spastische Lähmung (Spastizität) dauerhaft eingeschränkt, kann dies als Schwerbehinderung anerkannt werden. Menschen mit einer Behinderung haben besondere Rechte und Ansprüche, um gleichberechtigt am Leben teilnehmen zu können. Das Versorgungsamt bewertet hierfür das Ausmaß der funktionellen Ausfälle.
Rente bei Erwerbsminderung
Sollte eine Rückkehr in den Beruf aufgrund der Spastik dauerhaft nicht mehr möglich sein, steht Betroffenen unter bestimmten Voraussetzungen eine Erwerbsminderungsrente zu.
- Entscheidung: Je nach Grad der verbliebenen Arbeitsfähigkeit wird entschieden, ob eine volle oder teilweise Erwerbsminderungsrente ausgezahlt wird.
- Zuständigkeit: Die Prüfung und Entscheidung über den Rentenanspruch erfolgt durch den zuständigen Rentenversicherungsträger – in der Regel die Deutsche Rentenversicherung. Die Agentur für Arbeit kann beratend unterstützen, insbesondere wenn es um die Vermittlung leidensgerechter Arbeitsplätze geht.
Mehr Informationen und Adressen finden Sie in unserem Servicebereich.
Zurück in den Job mit Spastik
Wie gelingt der Wiedereinstieg in den Job trotz Spastik? Auch wenn der Alltag mit einer spastischen Lähmung körperlich und emotional belastend sein kann, ist eine Rückkehr ins Berufsleben je nach Tätigkeit oft möglich. Ein erfolgreicher Weg zurück in den Beruf basiert meist auf einer strukturierten Koordination zwischen Arbeitnehmer*innen, Arbeitgeber*innen und Sozialleistungsträgern. Aber auch behandelnde Ärzt*innen, Therapeut*innen und Pflegekräfte spielen als Teil des multiprofessionellen Teams eine Rolle.
Mehr Informationen und Adressen finden Sie in unserem Servicebereich.
Betroffene berichten aus dem Alltag: Echte Erfahrungen mit Spastik
Jeder Krankheitsverlauf ist einzigartig. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann wertvolle Impulse für den Alltag geben. Im Folgenden berichten Patient*innen von ihren Erfahrungen mit Spastik, ihren individuellen Strategien im Alltag und wie sie Lebensqualität zurückgewonnen haben.
Ich bin Birte
… und ich möchte anderen Menschen Mut machen.

Ich bin Birte, 48 Jahre, und ich bin Redakteurin. Artikel verfassen, bloggen, Aktivitäten in verschiedenen Social Medias, der Aufbau eines Forums für zuckerkranke Hunde, Interviews machen und mein Engagement mit anderen für die Umwelt – das war mein tägliches Arbeiten und mein Herzensanliegen.
Am 3.3.2010 veränderte sich mein Leben – schlagartig. Ich erlitt einen Schlaganfall, ein embolischen Infarkt im Mediastromgebiet links – ich war gerade bei der Krankengymnastik, da ist das passiert.
Die Anfangszeit war gruselig. Ich wusste nicht, was passiert war und wo ich mich befand. Meine rechte Körperhälfte war nicht da. Ich konnte nicht laufen, und was noch dazu kam: ich konnte nicht sprechen. Grausam. Unvorstellbar. Kein Wort mitteilen, kein Gefühl beschreiben und nicht nach Hilfe rufen.
Es folgte eine lange Zeit der Rehabilitation, die mich viel Kraft und Zeit gekostet hat. Ein Kampf zurück ins Leben. Zweimal am Tag Therapie: Logotherapie, Ergotherapie, Krankengymnastik (Voita), Aquatraining im Wasser, Saeboflex mit dem Arm trainieren. Jeden Tag eine Stunde Ball schmeissen, so dass die rechte Hand greifen kann nach 1 oder 2 Jahren mit Therapie – vielleicht.
Ich habe wieder Ziele in meinem Leben angepackt. Ich möchte wieder greifen und mit beiden Händen arbeiten. Seit ca. zweieinhalb Jahren bekomme ich Botulinumtoxin gespritzt. Und seit diesem Jahr bin ich im Besitz der Saeboflex-Funktion-Schiene. Das Training ist richtig hart, aber kleine Erfolge sind bereits zu messen. Genial, oder?
Mir ist es wichtig, anderen von meinem Schicksal zu erzählen, und Mut zu machen, immer weiter zu kämpfen und nicht aufzugeben. Jedes Jahr findet ein Treffen junger Menschen mit Schlaganfall, organisiert von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, statt.
Mir hilft der Austausch mit anderen, auch in Facebook. Die Fortschritte, die jeder Einzelne macht, motivieren unheimlich. Außerdem möchte ich anderen Mut machen und spreche aus diesem Grund über meine Erkrankung.
Ich bin Constance
… und ich kämpfe jeden Tag.

Ich bin Constance, 38 Jahre alt und leide seit meinem Schlaganfall im Jahr 2009 an einer Armspastik.
Der Schlaganfall hat alles verändert. Ich bin nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Es ist schwierig für mich über die Erkrankung zu sprechen, da mein Vater nur kurz vor meiner Erkrankung an einem Schlaganfall gestorben ist.
Mein Ziel ist, dass alles wieder so wird, wie vor meiner Erkrankung. Dafür kämpfe ich. Jeden Tag.
Ich bin Emmanuel
… es liegt bei dir – du musst es tun!

Ich bin Emmanuel und 40 Jahre alt. Vor 10 Jahren hatte ich einen Schlaganfall. Seither ist meine gesamte rechte Körperhälfte spastisch.
Vor meinem Schlaganfall war ich im Tourismus tätig und habe mit Menschen aus aller Welt zusammengearbeitet. Ich lebte in Tahiti, heute lebe ich in Paris. Das ist nicht das gleiche Wetter. 😉
Nach meinem Schlaganfall litt ich unter dem „Locked-in-Syndrom“, konnte nicht sprechen und mich nicht bewegen, war somit bei vollem Bewusstsein gefangen in meinem eigenen Körper.
Therapeuten können helfen, dass es dir besser geht. Aber die meiste Arbeit liegt bei einem selbst – du musst es tun!
Mein Ziel ist es weitere Fortschritte zu machen und meine Unabhängigkeit so lange wie möglich zu erhalten.
Ich habe Ziele. Ich habe Hoffnungen.
Ärzte helfen mir, diese zu erreichen.
Häufig gestellte Fragen zum Alltag mit Spastik
Eine Spastik im Fuß kann sich kurzfristig durch langsames, geführtes Dehnen über den kompletten Bewegungsbereich verringern lassen. Welche Hilfsmittel und Übungen speziell dafür in Frage kommen, sollte mit behandelnden Physiotherapeut*innen abgeklärt werden.
Es kommen primär zwei Arten zum Einsatz: Starre Lagerungsschienen, um Gelenkversteifungen zu verhindern, und dynamische Funktionsorthesen, die Bewegungen wie das Heben des Fußes beim Gehen aktiv unterstützen.
Ja, Dehnungsübungen können die Beweglichkeit der Gelenke erhalten und schmerzhaften Verkürzungen vorbeugen. Wichtig ist eine langsame, kontrollierte Ausführung über möglichst große Bewegungsbereiche. Ruckartige Dehnbewegungen sollten vermieden werden, da diese den spastischen Reflex verstärken können.
Ja, gezielter Muskelaufbau ist möglich. Kraft- und Widerstandstraining können die Muskelfunktion und die allgemeine Stabilität verbessern, ohne den spastischen Tonus zu verschlechtern. Das Training sollte unter therapeutischer Anleitung erfolgen.
Quellenangaben
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