Was ist Spastik
Definition, Ursachen und typische Symptome
Das Wichtigste in Kürze
Was ist Spastik? Die Definition
Unter einer Spastik (oder Spastizität) versteht die Neurologie eine chronische, unwillkürliche Erhöhung der Muskelspannung. Diese entsteht, wenn die Kommunikationswege zwischen dem zentralen Nervensystem (ZNS) und der Muskulatur beschädigt sind. Ein krankhaft erhöhter Muskeltonus ist dabei das klinische Leitsymptom.
Im gesunden Körper reguliert das Gehirn jede Bewegung durch ein feines Gleichgewicht aus aktivierenden und hemmenden Signalen. Werden die hemmenden Nervenbahnen durch eine Verletzung oder Erkrankung im Gehirn oder im Rückenmark unterbrochen, geraten die Muskeleigenreflexe außer Kontrolle. Der betroffene Muskel spannt sich dauerhaft an. Ein zentrales Merkmal der Spastik ist dabei ihre Geschwindigkeitsabhängigkeit: Je schneller ein spastischer Muskel passiv gedehnt wird, desto massiver steigt sein Widerstand an.
Was ist der Unterschied zwischen Spastik und Krampf?
Beispiel einer uneingeschränkten Muskelrotation

Beispiel einer eingeschränkten Muskelrotation

Ein gewöhnlicher Muskelkrampf ist eine vorübergehende, periphere Reaktion, während eine neurologische Spastik ein dauerhafter Zustand infolge einer zentralen Nervenschädigung ist.
Im Alltag werden die Begriffe oft verwechselt, unterscheiden sich medizinisch jedoch grundlegend.
Die folgende Tabelle grenzt die wichtigsten Fachbegriffe voneinander ab:
| Fachbegriff | Medizinische Definition | Ursache & Abgrenzung |
| Spastik | Dauerhafte, geschwindigkeitsabhängige Erhöhung der Muskelspannung. | Entsteht durch ZNS-Schäden. Ist ein chronischer Zustand. |
| Krampf | Plötzliche, schmerzhafte und vorübergehende Muskelkontraktion. | Meist lokal bedingt (z. B. Überlastung). Verschwindet von selbst. |
| Rigor | Geschwindigkeitsunabhängige Muskelsteifigkeit. | Typisch für Parkinson. Der Widerstand bleibt bei Bewegung immer gleich (häufig mit dem sog. Zahnradphänomen). |
| Kontrktur | Dauerhafte Verkürzung von Sehnen, Bändern und Muskeln. | Oft die Spätfolge einer unbehandelten Spastik. Nur begrenzt passiv lösbar. |
Unterschied Klonus und Spastik einfach erklärt
Ein Klonus ist keine eigene Krankheit, sondern ein spezifisches Symptom, das innerhalb einer Spastik auftreten kann.
Während die Spastik den dauerhaft verhärteten Zustand des Muskels beschreibt, bezeichnet der Klonus eine rhythmische, abwechselnde Abfolge von Anspannung und Entspannung. Wird ein spastischer Muskel gedehnt, reagiert er mit einem andauernden Reflex. Ein typisches Beispiel ist der Fußklonus: Setzen Patient*innen den Fuß auf, beginnt das gesamte Bein unkontrolliert zu wippen.
Was löst Spastik aus?
Spastiken werden durch eine Verletzung oder Erkrankung des zentralen Nervensystems ausgelöst. Eine solche spastische Parese (unvollständige Lähmung) oder Plegie (vollständige Lähmung) tritt auf, wenn hemmende Steuerungssignale wegfallen und erregende Impulse überwiegen.
Ist hingegen ein peripherer Nerv direkt im Arm oder Bein geschädigt (z. B. durch einen Bandscheibenvorfall), entsteht daraus typischerweise keine Spastik, sondern eine schlaffe Lähmung.
Welche Krankheiten lösen Spastiken aus?
Folgende Grunderkrankungen und Traumata sind die häufigsten Auslöser für spastische Lähmungen:
- Schlaganfall: Die häufigste Ursache im Erwachsenenalter. Rund ein Drittel aller Personen, die einen Schlaganfall erlebt haben, entwickeln mehr als 3 Monate nach dem Schlaganfall spastische Bewegungsstörungen.
- Multiple Sklerose (MS): Eine Autoimmunerkrankung des ZNS. Bis zu 80 Prozent der Patient*innen entwickeln im Verlauf eine Spastik.
- Infantile Zerebralparese: Eine frühkindliche Hirnschädigung (z. B. durch Sauerstoffmangel). Ein Großteil der betroffenen Kinder weist spastische Symptome auf.
- Querschnittslähmung: Rückenmarksläsionen gehören zu den häufigen Ursachen einer spastischen Bewegungsstörung. Bei Querschnittlähmung entwickeln rund zwei Drittel der Betroffenen eine Spastik.
- Schädel-Hirn-Trauma & Tumore: Gewebeschäden können die motorischen Bahnen komprimieren und zerstören.
Welche Arten von Spastiken gibt es?
Neurologen klassifizieren die spastische Lähmung primär danach, welche Körperregionen betroffen sind. Dies gibt Aufschluss darüber, wo im Gehirn oder Rückenmark der Schaden liegt. Man unterscheidet zunächst zwischen fokalen (betrifft ein oder zwei eng benachbarte Bewegungssegmente), segmentalen (betrifft eine Extremität mit mehreren Gelenken) und generalisierten (betrifft mehr als zwei Extremitäten und den Rumpf) Formen. Hinzu kommen multifokale Spastiken, bei denen nicht direkt benachbarte Gliedmaßen oder Körperregionen betroffen sind. Weitere Unterscheidungsmöglichkeiten sind:
- Monospastik (Monoparese): Nur eine einzige Extremität (ein Arm oder ein Bein) ist betroffen.
- Paraspastik (Paraparese): Beide Arme oder beide Beine sind spastisch gelähmt.
- Hemispastik (Hemiparese): Eine komplette Körperhälfte (Arm und Bein derselben Seite) ist betroffen.
- Tetraspastik (Tetraparese): Alle vier Gliedmaßen sowie oft die Rumpfmuskulatur sind von der spastischen Lähmung betroffen.
Typische Spastik-Symptome: Wie äußert sich die Lähmung?
Eine spastische Lähmung macht sich durch funktionelle Ausfälle, schnelle Muskelermüdung, unnatürliche Haltungsmuster der Gliedmaßen und schmerzhafte Krämpfe bemerkbar. Gehen, Aufstehen oder Greifen und alltägliche Dinge, wie sich Anziehen, Hygiene etc. fallen zunehmend schwer.
Die Spastik erzwingt charakteristische Fehlstellungen:
- Am Arm: Der Arm wird an die Brust gezogen. Ellenbogen und Handgelenk sind stark gebeugt. Die Hand formt sich oft unwillkürlich zu einer festen Faust.
- Am Bein: Das Bein ist unnatürlich gestreckt. Oft bildet sich ein spastischer Spitzfuß, bei dem die Ferse in der Luft steht und sich die Zehen verkrallen.
Häufige klinische Erscheinungsbilder einer Spastik in Arm und Hand:

Häufige klinische Erscheinungsbilder einer Spastik im Bein:

Wie fühlt sich eine beginnende Spastik an?
Oft beginnt eine Spastik mit einem Gefühl von krampfenden, versteiften Muskeln. Betroffene beschreiben zudem Erschöpfung und große Anstrengung bei Alltagsbewegungen.
Weitere frühe Warnsignale sind lokale Muskelverhärtungen, die beim Aufstehen oder Lagewechsel stark ziehen, nächtliche Wadenkrämpfe oder ein kurzzeitiger Kontrollverlust, bei dem sich beispielsweise die Hand um eine Türklinke krampft und nicht sofort wieder öffnen lässt.
Diagnose: Wie wird der Schweregrad bestimmt?
Um eine Spastik messbar zu machen und den Verlauf der Therapie zu objektivieren, nutzen behandelnde Ärzt*innen verschiedene klinische Testverfahren. Im Fokus stehen dabei die Messung der Muskelkraft, die Beurteilung des Bewegungsradius der Gelenke und die Bestimmung des Muskeltonus.
Das international am häufigsten verwendete Instrument zur Quantifizierung der Spastizität ist die Modifizierte Ashworth-Skala (MAS). Sie wurde 1964 von Bryan Ashworth entwickelt und 1987 von Bohannon und Smith verfeinert.
Bei der Testung liegen Patient*innen entspannt auf dem Rücken. Der Untersucher bewegt das betroffene Gelenk (z. B. den Ellenbogen) innerhalb einer Sekunde passiv durch den vollen Bewegungsumfang. Der dabei spürbare Widerstand des Muskels wird auf einer Skala von 0 (kein erhöhter Tonus) bis 4 (rigider Muskeltonus) bewertet:
| MAS- Score | Klinische Definition des Muskeltonus |
| 0 | Keine Tonuserhöhung: Normale, widerstandsfreie Beweglichkeit. |
| 1 | Leichte Tonuserhöhung: Erkennbar an einem plötzlichen Einrasten und Nachgeben („catch and release“) oder einem minimalen Widerstand am Ende der Bewegung. |
| 1+ | Leichte bis mäßige Tonuserhöhung: Einrasten („catch“), gefolgt von minimalem Widerstand über den verbleibenden, kleineren Teil (weniger als die Hälfte) des Bewegungswegs. |
| 2 | Deutliche Tonuserhöhung: Der Muskel leistet durch den Großteil der Bewegung deutlichen Widerstand, das Körperteil lässt sich jedoch noch gut passiv bewegen. |
| 3 | Erhebliche Tonuserhöhung: Die passive Bewegung ist äußerst schwierig durchzuführen. |
| 4 | Rigidität: Das betroffene Körperteil ist in Beugung oder Streckung völlig starr und lässt sich passiv nicht mehr bewegen. |
Prognose: Rückbildung, Heilung und Lebenserwartung
Patient*innen und Angehörige stellen nach der Diagnose oft die drängendsten Fragen zur Heilung und zur zukünftigen Lebensqualität. Die Antworten darauf erfordern eine ehrliche und nuancierte medizinische Einordnung.
Ist eine Spastik heilbar?
Nein, eine einmal etablierte neurologische Spastik ist ursächlich nicht heilbar. Der Grund dafür liegt in der Biologie des zentralen Nervensystems: Das durch einen Schlaganfall, eine Entzündung oder ein Trauma zerstörte Nervengewebe im Gehirn oder Rückenmark wächst nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht nach. Die ausgefallenen hemmenden Steuerungssignale können daher nicht wiederhergestellt werden.
Durch medizinische und physiotherapeutische Behandlungen können sich die spastischen Verkrampfungen jedoch lösen und die Beweglichkeit stark verbessern lassen. Dies kann zu einer Steigerung der Lebensqualität führen.
Kann sich Spastik auch wieder zurückbilden oder von allein verschwinden?
Eine vollständige Spontanremission (das Verschwinden der Spastik ohne therapeutische Intervention) ist nach Abschluss der Akutphase eher unwahrscheinlich. Eine Spastik ist kein Zustand, der sich „auswächst“.
Vielmehr verhält es sich gegenteilig: Bleibt eine Spastik unbehandelt, verschlechtert sich der Zustand drastisch. Die permanente, unnatürliche Muskelspannung führt zu einer Umstrukturierung des Gewebes. Muskeln, Sehnen und Bänder verkürzen sich massiv. Dies kann in schmerzhaften Gelenkversteifungen münden, den sogenannten Kontrakturen. Sind diese erst einmal durch das Bindegewebe fixiert, lässt sich die Fehlstellung auch durch starke muskelentspannende Medikamente (wie Botulinumtoxin) nicht mehr rückgängig machen. Eine frühzeitige und kontinuierliche Therapie der Spastik ist daher zwingend erforderlich.
Wie hoch ist die Lebenserwartung bei Spastik?
Die Spastik selbst ist ein Symptom, keine eigenständige Erkrankung. Die Lebenserwartung wird nicht durch die Spastik diktiert, sondern ausschließlich durch die zugrunde liegende Krankheit und deren Komplikationen.
- Bei Multipler Sklerose: Die Lebenserwartung von MS-Patient*innen ist verkürzt, nähert sich aber an die der Allgemeinbevölkerung an.
- Bei Schlaganfall: Die Prognose hängt stark vom Alter bei Eintritt des Infarkts, der Schwere der Hirnblutung und der kardiovaskulären Grundgesundheit ab. Das Sterberisiko ist in der Akutphase am höchsten, nimmt danach aber ab.
- Bei Zerebralparese: Dank des medizinischen Fortschritts erreichen in westlichen Industrienationen heute die große Mehrheit der Kinder mit einer infantilen Zerebralparese das Erwachsenenalter.
Was hilft am besten gegen Spastik?
Die erfolgreichste Therapie gegen das spastische Syndrom ist ein multimodaler Ansatz. Dieser kombiniert nach medizinischen Leitlinien physikalische und medikamentöse Maßnahmen, um Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu erhalten.
- Physiotherapie & Ergotherapie: Das A und O. Regelmäßiges Dehnen und Durchbewegen der Gelenke kann helfen, strukturellen Verkürzungen vorzubeugen.
- Hilfsmittel & Orthesen: Spezielle Lagerungsschienen fixieren betroffene Gelenke über längere Zeiträume in einer gesunden Position.
- Botulinumtoxin: Das Medikament wird in den betroffenen Muskel lokal injiziert und entspannt diesen für mehrere Monate.
- Orale Medikamente: Antispastika dämpfen die muskuläre Übererregbarkeit im gesamten Körper, sollten aber erst nach Ausschöpfen anderer Optionen eingesetzt werden. Dazu gehören sowohl nicht-medikamentöse Maßnahmen als auch die Therapie mit Botulinumtoxin, die nur lokal und mit geringen Wirkstoffmengen erfolgt.
- Intrathekale Baclofen-Pumpe (ITB): Bei schwerer multisegmentaler oder generalisierter (Tetraspastik oder Paraspastik) kann eine operativ implantierte Pumpe Medikamente direkt an das Rückenmark abgeben.
Detaillierte Informationen zu den einzelnen Therapiebausteinen und deren Ablauf finden Sie in unserem Ratgeber zum Thema Spastik behandeln.
Kann Magnesium bei Spastik helfen?
Nein, die Wirksamkeit von Magnesium bei Spastik ist wissenschaftlich nicht belegt und wird in medizinischen Leitlinien nicht empfohlen. Magnesium spielt eine Rolle im Mineralstoffhaushalt der Muskelzelle. Eine Spastik ist jedoch kein peripherer Nährstoffmangel, sondern das Resultat eines Hirn- oder Nervenschadens.
Spastische Bronchitis vs. Spastik: Wie gefährlich ist sie?
Trotz des ähnlichen Namens hat die spastische (oder obstruktive) Bronchitis medizinisch nichts mit einer neurologischen Spastik zu tun. Sie ist eine meist virale Atemwegserkrankung bei Kleinkindern.
Der Begriff beschreibt lediglich die Verkrampfung der kleinen Muskeln, die die Atemwege umgeben. Sie äußert sich durch pfeifende Atemgeräusche und Kurzatmigkeit. Zwar kann sie gut behandelt werden, bei bestimmten Risikofaktoren (wie Allergien oder eine Familienhistorie allergischer Erkrankungen) besteht jedoch die Gefahr, dass sich später ein chronisches Asthma entwickelt.
Häufig gestellte Fragen zu Spastik
Eine Spastik kann zu dauerhaften motorischen Einschränkungen führen und in Deutschland den Anspruch auf Feststellung eines Grades der Behinderung sowie auf Pflegegrade begründen.
Bei einer schlaffen Lähmung ist typischerweise der periphere Nerv beschädigt – der Muskel ist kraftlos und hängt herab. Bei der spastischen Lähmung (durch einen ZNS-Schaden) ist der Muskel hingegen permanent hart und krampft unwillkürlich.
Ja, Faktoren wie psychischer Stress, Schmerzen oder Infektionen (z. B. ein Harnwegsinfekt) können den spastischen Muskeltonus temporär massiv erhöhen.
Quellenangaben
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