Multiple Sklerose und Spastik

Symptome, Ursachen, Therapie

Das Wichtigste in Kürze

  • Kernaussage: Die Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die häufig von einer Spastik begleitet wird.
  • Diagnose: MS wird primär über neurologische Untersuchungen, MRT-Bilder und Nervenwasseruntersuchungen diagnostiziert. Auch bei MS werden Spastiken anhand von Skalen (MAS, Tardieu) beurteilt.
  • Kombinierte Therapien: Die MS-Spastik erfordert einen individuellen, multimodalen Behandlungsansatz aus physikalischer Therapie und medikamentösen Maßnahmen, zusätzlich zur patientenindividuellen MS-Therapie.
  • Medizinischer Fortschritt: Dank moderner Immuntherapien ist die Lebenserwartung bei MS gestiegen und schwere Verlaufsformen und Komplikationen lassen sich oft deutlich verzögern.

Was ist Multiple Sklerose (MS)?

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS) – das heißt, sie schädigt spezifisch das Gehirn und das Rückenmark. Bei dieser Erkrankung greift das körpereigene Immunsystem fälschlicherweise die schützenden Myelinscheiden der Nervenfasern an, die eine wichtige Rolle bei der Weiterleitung von Nervenimpulsen durch den Körper spielen. Diese fortschreitende „Demyelinisierung“ und Degeneration der Nervenzellen stört die Reizweiterleitung und führt zu vielfältigen neurologischen Symptomen. Die MS zählt zu den häufigsten Ursachen für bleibende neurologische Behinderungen im jungen Erwachsenenalter.

Ursachen, Risikofaktoren und Vererbbarkeit: Ist MS vererbbar?

Die genauen Ursachen der Multiplen Sklerose sind multifaktoriell und umfassen ein komplexes Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen. Die MS ist keine klassische Erbkrankheit, die nach einem festen Muster an Kinder weitergegeben wird. Eine genetische Veranlagung erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens zu erkranken, weshalb MS als bedingt vererbbar gilt. Zu den möglichen Umweltfaktoren und Auslösern zählen frühere Virusinfektionen (wie mit dem Epstein-Barr-Virus), ein niedriger Vitamin-D-Spiegel sowie Lebensstilfaktoren wie Übergewicht und das Rauchen.

Frauen erkranken statistisch häufiger an Multipler Sklerose als Männer. Die neurologischen Symptome unterscheiden sich bei Frauen kaum von denen der Männer. Jedoch spielen im Krankheitsverlauf hormonelle Schwankungen und geschlechtsspezifische Aspekte – insbesondere hinsichtlich der Lebens- und Familienplanung – eine Rolle bei der Verlaufsbeurteilung und der Gestaltung der Therapie.

Welche frühen Anzeichen und Symptome treten auf?

Zu den häufigsten ersten Anzeichen der Multiplen Sklerose gehören Sehstörungen (z. B. verschwommenes Sehen durch eine Sehnervenentzündung), Sensibilitätsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle sowie eine unverhältnismäßige chronische Erschöpfung – die sogenannte “Fatigue”. Im weiteren Verlauf der Erkrankung entwickeln viele Betroffene ausgeprägte motorische Einschränkungen (z. B. Spastiken), Koordinationsprobleme und Blasenfunktionsstörungen.

Wie diagnostiziert man Multiple Sklerose?

Die sichere Diagnose der Multiplen Sklerose basiert auf einer ausführlichen neurologischen Untersuchung, der Magnetresonanztomographie (MRT) sowie der Untersuchung des Nervenwassers (Liquor). Zur Diagnosestellung greifen Mediziner auf die „McDonald-Kriterien“ zurück. Diese Kriterien fordern unter anderem den Nachweis einer räumlichen und zeitlichen Ausbreitung der Entzündungsherde im ZNS und das Vorkommen von MS-typischen Antikörpern im Liquor.

Ein spezifischer „Multiple-Sklerose-Test“ im Blut existiert bislang nicht. Umfangreiche Blutuntersuchungen sind in der Diagnostik dennoch wichtig. Sie dienen primär dem sicheren Ausschluss ähnlicher Autoimmunerkrankungen (wie der MOG-IgG-assoziierten Erkrankung, MOGAD, oder Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung, NMOSD) oder Infektionskrankheiten.

Warum entsteht Spastik bei MS und wie fühlt sie sich an?

Eine Spastik bei MS entsteht durch entzündliche Läsionen an den absteigenden motorischen Bahnen (den sogenannten oberen Motoneuronen) im Gehirn und Rückenmark. Durch diese Nervenschädigung entfallen die natürlichen hemmenden Signale an die Muskulatur, was zu einer unwillkürlichen Übererregbarkeit der Muskelreflexe und einem dauerhaft erhöhten Muskeltonus führt.

Betroffene beschreiben die MS-Spastik als ein permanentes, kraftraubendes Spannungs- oder Schweregefühl, das aktive Bewegungen stark verlangsamt und erschwert. Häufig kommt es zu schmerzhaften, einschießenden Muskelverhärtungen. Da die Muskeln der Beine auf den fehlenden zentralen Hemmmechanismus besonders sensibel reagieren, sind Gehstörungen und eine Spastik in den Beinen bei MS sehr häufig. Zudem klagen viele Patient*innen über eine verstärkte oder als besonders belastend empfundene MS-Spastik in der Nacht. Zusammen mit anderen Faktoren wie Schmerzen oder unruhigen Beinen kann das zu ausgeprägten Durchschlafstörungen führen.

Spastik bei MS vs. gewöhnlicher Muskelkrampf

MerkmalMS-SpastikGewöhnlicher MuskelkrampfBedeutung für Betroffene
UrsacheStrukturelle Schädigung des zentralen Nervensystems (Gehirn/Rückenmark).Lokale Muskelüberlastung, Elektrolytmangel oder mechanische Fehlbelastung.Eine MS-Spastik erfordert eine gezielte neurologische Therapie; Magnesiumgaben allein haben keinen bewiesenen Effekt.
Dauer & CharakterDauerhaft erhöhte Muskelspannung, geschwindigkeitsabhängiger Bewegungswiderstand, einschießende Spasmen.Akut, eng lokal begrenzt, klingt meist nach wenigen Minuten von selbst ab.MS-Spastik schränkt die generelle Beweglichkeit dauerhaft ein und führt unbehandelt zu strukturellen Veränderungen (Kontrakturen).
AuftretenUnwillkürlich, oft getriggert durch schnelle passive Bewegung, Berührung oder nachts.Oft nachts oder während bzw. direkt nach intensiver sportlicher Belastung.Das konsequente Management von Triggerfaktoren (z. B. Schmerzen, volle Blase, Infekte) ist bei der MS-Spastik von Bedeutung.

Wie wird Spastik medizinisch bewertet?

Um den Schweregrad der Spastik objektiv zu beurteilen und den Therapieerfolg verlässlich zu messen, nutzen Neurolog*innen standardisierte, klinische Skalen. Die Modified Ashworth Scale (MAS) misst manuell den Widerstand, der bei der passiven Bewegung eines Gelenks durch die behandelnden Ärzt*innen auftritt.

Mehr Informationen zur Diagnose von Spastiken finden Sie in unserem Artikel zu Was ist Spastik?

Eine weitere, immer häufiger genutzte Methode ist die Tardieu Scale. Sie hilft den Ärzt*innen, eine Spastik von einer bereits bestehenden, strukturellen Verkürzung (Kontraktur) zu unterscheiden, indem sie die Muskelreaktion bei definierten, unterschiedlichen Dehnungsgeschwindigkeiten testet.

Wie lässt sich eine MS-Spastik behandeln?

Die Behandlung der spastischen Bewegungsstörung bei MS erfolgt wie bei anderen Ursachen aus einer Kombination von physikalischen und medikamentösen Maßnahmen. Zusätzlich zur grundlegenden Therapie der MS muss sie individuell auf die körperliche Gesamtsituation sowie die Alltagsziele der Patient*innen abgestimmt werden.

Übersicht: Behandlungsmöglichkeiten bei MS-Spastik

TherapieoptionenZielTypischer EinsatzbereichWichtige Hinweise / Grenzen
Physikalische TherapieErhalt der Gelenkbeweglichkeit, Kontrakturprophylaxe, Tonusregulation.Eigenverantwortliche Basistherapie für Patient*innen mit Spastik – bestehend aus Schulung, ROM-(Range-of-Motion-)Übungen und Dehnübungen.

Zusätzlich Physiotherapie.

Erfordert hohe Eigeninitiative und kontinuierliche Adhärenz (Unterstützung z. B. via DiGAs).
Botulinumtoxin AGezielte Entspannung einzelner, überaktiver Muskeln.Fokale MS-Spastik (z. B. spitzfüßige Fehlstellung, Handspastik).Wirkung ist reversibel (hält ca. 3 Monate). Injektion sollte unter Ultraschallkontrolle erfolgen.

Bei fokaler, multifokaler und segmentaler Spastik und unzureichendem Ansprechen auf Physiotherapie bevorzugt. Bei multisegmentaler oder generalisierter Spastik Einsatz bei nicht tolerablen Nebenwirkungen oder fehlender Wirkung der anderen antispastischen Therapien.

Orale Medikamente (z.B. Baclofen, Tizanidin)Reduktion des spastischen Muskeltonus.Bei Spastik, wenn Maßnahmen wie Physiotherapie oder eine Therapie mit Botulinumtoxin nicht ausreichen. Gabapentin bei paroxysmalen Spasmen.Systemische Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Muskelschwäche möglich. Einnahme ist nicht unbedingt mit funktionellem Zugewinn verbunden.
Cannabionoide (Nabiximols)Verbesserung spastischer Symptomatik.Unzureichendes Ansprechen auf andere antispastische Arzneimitteltherapien.Nur als Add-On-Therapie bei mittelschwerer bis schwerer Spastik.
Intrathekale Therapie (Baclofen-Pumpe)Starke muskelentspannende Wirkung direkt am Rückenmark bei geringer systemischer Dosis.Schwere Spastiken mit unzureichender Wirkung oder nicht tolerablen Nebenwirkungen der anderen antispastischen Therapien.Invasives Verfahren (Operation nötig), Komplikationsrisiken an Pumpe oder Katheter.

Nur bei unzureichendem Ansprechen auf Physiotherapie, unzureichender Wirkung oder nicht tolerablen Nebenwirkungen der anderen antispastischen Therapien.

Verlaufsformen, Prognose und Lebenserwartung

Die Multiple Sklerose verläuft individuell unterschiedlich. Man unterscheidet primär zwischen

  • der schubförmig-remittierenden MS (RRMS), bei der sich Symptome nach einem Schub ganz oder teilweise zurückbilden
  • der sekundär progredienten MS (SPMS), die sich oftmals nach Jahren aus einer RRMS entwickelt und durch eine schleichende Zunahme der Behinderung gekennzeichnet ist,
  • der primär progredienten MS (PPMS), die von Beginn an eine stetige, schubunabhängige Verschlechterung zeigt.

Dank der Fortschritte bei hochwirksamen, verlaufsmodifizierenden Immuntherapien hat sich die MS-Lebenserwartung und die Langzeitprognose verbessert. Die Erkrankung führt heute seltener zu schweren Behinderungen, und die Lebenserwartung von MS-Patient*innen steigt an. Der teils in Laienforen gesuchte Begriff „Endstadium Multiple Sklerose“ impliziert eine schwere Pflegebedürftigkeit – dieser Zustand lässt sich durch einen konsequenten Therapiebeginn heute effektiv verzögern. Zwar weisen frühe und häufige Schübe zweifellos auf eine hohe Krankheitsaktivität hin, jedoch können moderne zielgerichtete Therapien den Langzeitverlauf auch nach den ersten Jahren noch stabilisieren und positiv verändern.

Alltagsfaktoren: Ernährung, Schwangerschaft, Impfungen und MS bei Kindern

Das Leben mit Multipler Sklerose erfordert ein weitreichendes, präventives Management. Eine gesunde, antientzündliche Ernährung sowie der konsequente Verzicht auf das Rauchen können das Voranschreiten der MS messbar positiv beeinflussen.

Frauen mit MS können problemlos schwanger werden und gesunde Kinder zur Welt bringen. Eine Schwangerschaft sollte jedoch in einer stabilen Phase der Erkrankung geplant werden. Jedoch bedarf es einer engen ärztlichen Abstimmung, da für viele MS-Medikamente keine Daten zur Anwendung in der Schwangerschaft vorliegen.

Bevor eine hochwirksame Immuntherapie gestartet wird, muss der Impfstatus kontrolliert und gegebenenfalls aktualisiert werden. Das hat verschiedene Gründe:

  • Bestimmte Lebendimpfstoffe sind unter einer Immuntherapie kontraindiziert.
  • MS-Patient*innen unter Immuntherapie sind in der Regel anfälliger für Infektionen.
  • Die Wirksamkeit von Impfstoffen kann bei laufender Immuntherapie abgeschwächt sein.

Tritt die Erkrankung bereits im Kindesalter auf, sollte eine möglichst umfangreiche, interdisziplinäre Betreuung des Kindes erfolgen, um drohende kognitive, psychosoziale und schulische Einschränkungen rechtzeitig abzufangen.

Wann ist sofortige ärztliche Hilfe nötig?

Sowohl bei der MS selbst als auch beim Management der MS-Spastik gibt es eindeutige Warnsignale, die eine rasche ärztliche Abklärung erfordern:

  • Neu auftretende neurologische Ausfälle oder eine deutliche Verschlechterung bestehender Symptome über mehr als 24 Stunden (Verdacht auf einen akuten MS-Schub).
  • Eine plötzliche, schmerzhafte Zunahme der Spastik, die nicht auf die übliche Medikation anspricht (das kann ein Hinweis auf einen unentdeckten Trigger wie einen unbemerkten Harnwegsinfekt, beginnenden Dekubitus oder fieberhafte Infekte sein).
  • Neu auftretende, schwerwiegende Blasenentleerungsstörungen.
  • Unerklärliche Atembeschwerden (Möglichkeit einer Spastik der Rumpf- oder Brustkorbmuskulatur).

Häufig gestellte Fragen zu Multipler Sklerose und Spastik

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